Nicht immer wird an einem Feierabend, der Abend gefeiert. Feierabende werden nicht immer so gewürdigt wie sie es verdient hätten und wie es ihr Name erwarten liesse.
Denken wir an die vielen Abende, an denen Millionen von Menschen untätig herumhängen, sich dem Nichtstun hingeben, Stunden damit verstreichen lassen, nur um sich dann erschöpft dem erlösenden Schlaf zu ergeben; oder an die Dauerstress-Geplagten, die gerne feiern würde, aber das Feiern am Feier-Abend einfach verlernt haben.
Als besonders effizient im Liquidieren der Möglichkeit den Abend feiernd zu verbringen erweist sich mit schöner Regelmässigkeit die Nachbarin, die immer gerade dann an die Türe klopft, wenn man die Beine hoch lagern möchte. Mit zuckersüssem Lächeln fragt sie nach, ob man ihr nicht, ganz zufällig versteht sich, etwas Salz hätte. Und dann kommt sie, die Geschichte des kürzlich verstorbenen Meerschweinchens Mausi, und zwar in allen Einzelheiten: der Zuhörende erfährt den Schäppchenpreis des qualitativ nichtsdestoweniger hervorragenden Käfigs, der jetzt nutzlos herumliegt, die genaue Adresse des Zoofachgeschäftes, wo Mausi’s Heim vor Jahren käuflich erworben wurde, die Beschaffung des Kopfsalates, den Mausi so sehr liebte, die Todesursache des Lieblings, und zum Abschluss die Höhe der Kremations- und Bestattungskosten, kugelförmige Holzurne inklusive. Höflich bedankt sich die Nachbarin nach einer schlappen halben Stunde, verabschiedet sich, und der ehemals Feierwillige schliesst entnervt und erschöpft die Türe .
Bisweilen greift der potentielle Feierabendfeiernde feierlich zu einer Zigarre, macht sich, in eine dicke Daunenjacke verpackt auf den Weg nach Balkonien, begleitet von einer Tirade wüster Beschimpfungen. Suchtgefährdet sei er, rücksichtslos, ein Junkie nachgerade, der als Baby zu wenig lang dem Schnuller frönen durfte, und jetzt Kompensation suche in unsäglich riechenden Spring Rolls aus Tabak. Überhaupt vernachlässige er durch sein post-pubertäres Gebaren Frau und Kinder, und er täte besser daran, Job und Familie, samt Reihenhaus, an den Nagel zu hängen um sich auf einer abgelegenen Alp einer Schafherde zu widmen; dabei könne er dann an seinen stinkenden Stumpen saugen bis zum Abwinken.
Von so viel feierabendlichem Frust entmutigt sucht auch er den erlösenden Schlaf. Man folgere: Feierabend feiern will gelernt sein, und vielleicht wird manchem klar, warum die meisten Menschen den Versuch erst gar nicht wagen.